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Ein sehr preußisches Buch im Schatten des genialen Vaters
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Zum Autor: Joachim Fest ist vor wenigen Wochen gestorben und so hat sein Buch „Ich nicht“ den Charakter eines Vermächtnisses. Die ersten Rezensionen konnte er noch lesen. Joachim Fest war ohne Frage, einer der bedeutendsten Publizisten der Nachkriegszeit, ein großer Zeithistoriker. Aber es wurde ihm immer wieder unterstellt, er sei ein sehr konservativer Mann, der zu seinen „Forschungsgegenständen“ in einem zu engen Verhältnis stand. Tatsächlich hat er sein ganzes Forschen und Schreiben der „Jahrhundertkatastrophe“ gewidmet. Sein Vater hat ihm immer vorgehalten, wenn du über dieses „Gossenthema“, in einem so schönen Stil schreibst, dann“ wertest du diese Konsorten auf“. In der „Speer Biographie“ lässt Fest dann auch, bewusst oder unbewusst, gravierende Lücken, macht so Speer schließlich im Nachhinein „salonfähig“. Als Autor der „Hitler Biographie“ und Autor des Hitler Films „Der Untergang“ spielt bei ihm die Vernichtung der europäischen Juden nur eine Nebenrolle. Und im Film verleiht er schließlich den Verantwortlichen des Dritten Reiches die Würde der Tragödie, die ihnen nun wahrhaftig nicht zusteht. > >Zum Buch: Auf dem Cover des Buches sehen wir ein Vater-Sohn Porträt. Es ist eigentlich das „Ich Nicht“ des Vaters, was uns hier präsentiert wird, der Autor kann dieses „Ich Nicht“ in den fünfziger und sechziger Jahren in der Bundesrepublik gar nicht ausfüllen. So vermisse ich eigentlich in dieser Autobiographie das Selbst“ von Fest. Alles was ich spannend und zitierenswert an dem Buch finde, ist immer wieder der Vater. >Es zeigt, dass es im deutschen „Bildungsbürgertum“, es war ein katholisches, preußisches Elternhaus, in dem der Autor aufwuchs, doch auch einen Widerstand gab. Der Vater war Schuldirektor, hat in seiner großartigen Tugendhaftigkeit widerstanden, wurde 1933 vom Dienst suspendiert, hat seine Söhne im Widerstand erzogen, hat an seinen preußischen Tugenden und seinem ausgekehrten preußischen liberalen Wertekosmos bis zum Totenbett fest gehalten. Resolut und beharrlich ist er bei seiner Überzeugung geblieben, trotz aller anfänglichen Erfolge Hitlers und seinem Nichtverstehen der Weltvernunft. Die Familie musste von der Sozialhilfe leben. Er ist nicht in die Partei gegangen. Und vielleicht ist eine Schlüsselszene die, wo der kleine Joachim seine Eltern in der Küche streiten hört. Die Mutter hat unbeschreibliche Angst, dass die Familie verarmt und verkommt. Da sagt sie dem Vater: “Geh doch in die blöde Partei, die wollen doch gar nicht mehr, als das du zum Schein reingehst. So zu täuschen, war doch immer das Mittel der kleinen Leute.“ Da hört er den Vater sagen:“ Wir sind keine kleinen Leute, nicht in solchen Dingen“. > >Diese Vaterfigur ist eine einzige Demonstration für Geradlinigkeit, republikanische Gesinnung und Freiheitsbewusstsein. Und dann spricht dieser Mann auch noch von der entsetzlichen Schuld, dass er nicht mehr gemacht hat. Und die ganzen Seiten, wo es um den Vater geht, die sind einfach unheimlich lesenswert. > >Der Autor hatte eigentlich ein bisschen das Pech, das er diesen Vater hatte, an dem er sich messen lassen muss – und da hält er nicht stand. > >Also, dieser Vater ist großartig. Was mich verwundert, Frauen kommen in dem Buch fast überhaupt nicht vor. Die Mutter nur am Rande, die Schwestern überhaupt nicht, eine Freundin wird nur in einem Nebensatz erwähnt. > >Schwierigkeiten hatte ich damit, dass er nicht ein einziges Mal etwas darüber berichtet, wann er zum ersten Mal von Auschwitz gehört hat und welches seine Reaktion darauf war. Kein einziges Wort darüber. > >Wenn sein Vater immer sagte, der Nationalsozialismus ist eine „Kollaboration zwischen Elite und Mob“, dann hat diese Elite versagt und der Vater von Fest war wirklich eine herrliche Ausnahme, dass er widerstanden hat. Und insofern, was man auch immer über dieses Buch sagt, dass es diesen Vater gibt, einen wahnsinnig gebildeten Mann, deshalb schon ist es Wert dieses Buch zu lesen. Es setzt ein Denkmal für diese widerständigen, quer denkenden Bildungsbürger. Es ist eine große Freude, dass Fest es noch hat schreiben können, diese grandiose Liebeserklärung an seinen Vater. >
Eine Rezension von Carl-heinrich Bock "Literatur- und Kinofan" Bad Nenndorf
vom 6. November 2006
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