Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend (Gebundene Ausgabe)
von Joachim C. Fest


 
Beklemmend und bewegend - unbedingt lesenswert
• • • • •   (bewertet mit 5 von 5 Punkten)

Eine sehr lebendige, bewunderswerte, faszinierende Familie ist das, in der Joachim Fest auf- und heranwächst. Besonders der Vater, die Mutter, der ältere Bruder Wolfgang, aber auch Fest selbst gewinnen menschliche Kontur und Statur. Statur vor allem durch die Weigerung, sich den Anforderungen zum besseren Überleben im Hitler-Deutschland zu unterwefen, und sei es auch nur in Kleinigkeiten. Dieser Standpunkt und die aphoristische Formulierungsfülle allein machen das Buch zu einer lohnenswerten Lektüre. - Fest beschreibt das Beziehungsgeflecht der engeren und weiteren Familie, die im Mittelpunkt steht, wie sich das für eine "Kindheit und Jugend" gehört. Sie vermittelte als Werte ein bestimmtes, positives Bild des Preussentums - Fest schildert den gegenseitigen Rückhalt im "Anderssein" und "Abseitsstehen", er gibt dem Wahlspruch des Vaters ETIAM SI OMNES - EGO NON vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund die Relevanz, auch wenn er keinen Zweifel lässt, dass dieses "Ich nicht" für sein ganzes Leben prägend war. -
>Ein bewegendes Buch: auf wenigen Seiten zur Zeit des Kriegsendes wird das gewaltsame Ende der Personen geschildert, die uns über diese Kindheit und Jugend ans Herz gewachsen sind - meistens finden sie leidvoll und grausam den Tod. Darüber hinaus bewegt das Buch auch durch die Schilderung sehr persönlicher Ansichten und Umstände. So will der Vater wenigstens in der Familie offen reden können, sprich seinem Hass auf das Regime Luft machen. -
>Und ein beklemmendes Buch: Wie leicht hat es sich die überwiegende Mehrheit der Deutschen gemacht, sich in irgendeiner Form ins Nazi-Regime einzuordnen. Die Familie Fest - herausragend hier der Vater - tat das nicht, und Fest versorgt uns mit den Argumenten, derentwegen sich das verbat. Zugleich wird auch deutlich, mit welchen immer neuen Ausflüchten sich diejenigen in falscher Sicherheit wiegten, die durch eine Flucht immerhin zumindest das Leben gerettet hätten. Zugleich gesteht Fest aber auch offen, diese Opposition, für die sein Vater stand, wäre gar nicht handlungsfähig gewesen. -
>Schliesslich bietet der Biograf der Nazizeit, der Fest ja auch war, uns seine Version, wie die Gleichschaltung so mühelos gelingen konnte. Trotzdem schliesst das Buch mit einer optimistischen Beobachtung: der Fall des Kommunismus, symbolisiert im Fall der Berliner Mauer, ist laut dem Berliner Fest ein Ereignis, in dem sich "ausnahmsweise einmal die Vernunft" durchsetzt. -
>Also ein überwiegend pessimistisches Buch? Nein - schon der glänzende Stil, der distanzierte Humor, der sich auf buchstäblich jeder Seite findet, und die disziplininiert durchgehaltene Abwesenheit von Wehleidigkeit stehen dem entgegen. -
>So vermag das Buch einerseits biografische Neugier zu befriedigen. Aber es gelingt ihm auch das bemerkenswerte Kunststück, die Zumutungen der Nazizeit in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Und das ist, angesichts der Überfülle der manchmal nur nachplappernden Literatur zu der Zeit, ein nicht hoch genug einzuschätzendes Verdienst.
Eine Rezension von Claas de Groot
vom 16. November 2006
Kundenrezensionen:
11. Beklemmend und bewegend - unbedingt lesenswert (die aktuell angezeigte Rezension)
10. Einfach zum Nachdenken
9. Ein Vermächtnis als Geschenk
8. Ein sehr preußisches Buch im Schatten des genialen Vaters
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Siehe auch folgende Artikel:
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